Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, das Runde muss ins Eckige, ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen immer die … Konzerne? Es gibt kaum eine Branche, in der Phrasenschweine so schnell gefüllt werden, wie im Fußball. Und werden diese Phrasenschweine ausgeschüttet, werden Tradition und Bodenständigkeit beschworen – schließlich entwickelt sich, dank Kommerz und Co., der Volkssport zum Spektakel für Eliten. Doch bei all den Beschwerden, ob am Stammtisch oder im Stadion: Letztendlich gucken wir es ja doch.

Es ist Samstag, der 24.08.1963, 17 Uhr. Im Bremer Weserstadion fanden sich 32.000 Zuschauer ein, um das Spiel zwischen dem SV Werder Bremen und Borussia Dortmund zu bestaunen. Dieser besagte Samstag war der erste Spieltag der neu geschaffenen Fußball-Bundesliga. Schiedsrichter Alfred Ott konnte nach Spielstart die Pfeife direkt im Mund lassen. Nach gerade einmal einer Minute brachte Timo Konietzka den amtierenden Meister aus Dortmund in Führung und erzielte damit das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. Für Konietzka sollten in der Saison 1963/64 19 weitere Treffer folgen – für die Zuschauer hagelte es bis heute unzählige weitere. Doch nicht viele sahen damals die Meisterschaft des 1. FC Köln. Größter Zuschauermagnet war der VfB Stuttgart mit durchschnittlich 41.200 Stadiongängern, Köln lockte mit über 32.000 die fünftmeisten Schaulustigen ins eigene Runde. Zum Vergleich: Mit 23.666 Zuschauern ordnete sich der BVB – heute immerhin regelmäßig Rekordhalter in dieser Hinsicht – auf Platz 10 ein. Unter anderem hinter dem MSV Duisburg oder dem Karlsruher SC.

Vom Schnäppchen zum Kassenschlager: Fußball im Fernsehen

Aktuell verdient die Deutsche Fußball Liga (DFL) für die nationalen TV-Rechte, die von 2017/18 bis 2020/21 vergeben wurden, etwa 1,16 Milliarden Euro pro Saison. Angefangen hat alles deutlich bescheidener. ARD und ZDF mussten für die Saison 1965/66 dereinst 650.000 Mark hinblättern. Die Zuschauer wurden damals Zeuge, wie ein Verein aus München Deutscher Meister wurde – der TSV 1860. Der heutige Rekordmeister FC Bayern ist zur Saison 65/66 gerade frisch aufgestiegen und belegte schließlich den dritten Platz hinter dem BVB. Im Laufe der Jahre steigerten sich die Preise für die TV-Rechte quasi kontinuierlich. Für die Saison 1989/90, an deren Ende deutsche Fußballer in Italien Weltmeister wurden, zahlten Ufa, RTL und ARD 45 Millionen Mark. Knapp zehn Jahre später teilten sich unter anderem Sat1 und Premiere die Rechte an der Saison 98/99, die besonders Fans des FC Bayern sicher noch im Gedächtnis geblieben ist – Kostenpunkt: 255 Millionen Mark.

Internationaler Erfolg heißt auch mehr Kohle, sowohl für Vereine, aber auch für die ganze Liga. Das zeigen vor allem die jüngeren Sprünge in der TV-Vermarktung. Die Rechte an der Saison 2012/13 teilten sich ARD und Sky für 440 Millionen Euro. In der Champions League begegneten sich im Wembley-Stadion die Bayern und der BVB. Dieses Ausrufezeichen der Bundesliga bescherte in der Folgesaison 628 Millionen Euro. Der deutsche Sieg bei der Weltmeisterschaft 2014 sprengte schließlich alles. Statt nur Sky und der ARD beteiligten sich nun auch das ZDF, Sport1 und die Axel Springer AG an der Rechtevergabe. Spieltage werden zerstückelt und die Liga freut sich über Einnahmen in Milliardenhöhe.

Ein Abo pro Verein?

Die Zukunft des Fußballs (Foto: shutterstock)

Zur besseren Vermarktung wurden den Fans und neutralen Zuschauern angepasste Anstoßzeiten präsentiert. Logisch, die unzähligen Anbieter der Übertragungsrechte wollen ihren zahlenden Kunden natürlich Exklusivität bieten. Da verliert man unheimlich schnell den Überblick, wenn für drei Tage Fußball verschiedene Abos abgeschlossen werden müssen – der internationale Fußball ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Mit DAZN und Sky teilen sich zwei große Anbieter beispielsweise die Champions League. In der Gruppenphase hat man die Wahl zwischen den Konferenzen oder dem Einzelspiel. Vorausgesetzt, man findet heraus, welcher der beiden Anbieter nun eigentlich welches Spiel mit deutscher Beteiligung zeigt.

Im Jahr 2020 wird die DFL die Bundesliga-Medienrechte für vier Saisons, beginnend 2021/22, für Angebote freigeben. Was uns erwartet? Ungewiss. Geht es nach dem Sprachrohr des deutschen Rekordmeisters, Uli Hoeneß, könnte sich das ganze Modell noch weiter zerstückeln. In seinen Augen sei es möglich, dass große Streamingdienste ebenfalls in das Wettbieten um die deutsche Liga einsteigen. Sei es Google, Netflix, Apple, Comcast, Amazon oder Disney – die eine Milliarde mehr oder weniger, so Hoeneß, würde diesen Unternehmen kaum wehtun. Für Fans vermutlich eine Horror-Vorstellung, dass am Ende mehr Abos abgeschlossen werden müssen, als es Vereine in der Bundesliga. Doch Hoeneß sieht auch Vorteile.

Kein Wettbewerbsnachteil für das deutsche Oberhaus

Trotz des hohen Umsatzes, den beispielsweise der FC Bayern jährlich erwirtschaftet, sind die Clubs der englischen Premiere League diesbezüglich kaum in Schlagweite. Den Rückstand auf Manchester United beziffert Hoeneß auf 200 Millionen Euro. Die absurd hohen Einnahmen durch die Fernsehrechte der Premiere League bieten den Vereinen ganz andere Möglichkeiten als in Deutschland. Vor der Saison 2019/20 gaben die Bayern 143,5 Millionen Euro auf dem Transfermarkt aus, insgesamt acht Spieler – darunter Lucas Hernández, Benjamin Pavard oder Philippe Coutinho. Im europaweiten Vergleich liegt der Rekordmeister damit auf Rang 11. In der Top Ten vertreten ist hingegen Aston Villa mit 148,6 Millionen Euro für insgesamt 20 Zugänge. Bemerkenswert vor allem deswegen, weil Villa gerade erst in die Premiere League aufgestiegen ist.

Vielen Fans fällt es schwer, sich zu entscheiden. Natürlich möchte man packende Fights im Europapokal sehen, wie die Fans der Eintracht aus Frankfurt immer wieder beweisen. Auf der anderen Seite werden Abos in hoher Zahl kaum bezahlbar, was besonders bitter für Fans ist, die nicht gerade das Stadion ihres Herzensvereins um die Ecke haben. Und da sind wir wieder beim Phrasenschwein: Geld regiert eben die Welt. Wollen deutsche Vereine international eine Rolle spielen, muss wohl in Kauf genommen werden, dass die Kommerzialisierung Pokalspiele in China und Anstoßzeiten am Sonntagmorgen mit sich bringen. Und wer weiß, wer auf Timo Konietzka mit dem ersten Bundesliga-Tor in Peking folgt.

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