Donnerstag, April 2, 2020
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    Ich weiß was, das du nicht weißt. Was steckt hinter falschen Erinnerungen?

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    Wer von euch ist als Kind schon mal im Einkaufszentrum verloren gegangen? Wahrscheinlich einige, oder? Wenn man sich bemüht, kann man die Situation förmlich vor sich sehen, wie man plötzlich zwischen all den Menschen Mama und Papa nicht mehr entdecken kann. Dabei wollte man doch nur kurz ins Schaufenster vom Spielwarengeschäft gucken. Klingt bekannt, nicht wahr?
    Auch wenn es euch vielleicht so vorkommt, als würde euch dieser Auszug an ein Ereignis aus eurer Kindheit erinnern, kann es gut sein, dass es euch dennoch nie passiert ist.

    Im Experiment Lost in the mall zu Pseudoerinnerungen sollte Versuchspersonen das oben beschriebene Szenario „eingepflanzt“ werden. Als Pseudoerinnerung bezeichnet man eine Erinnerung, die durch Manipulation hervorgerufen wurde, aber gar nicht stattgefunden hat. Die Probanden sollten drei neutrale Ereignisse aus ihrer Kindheit wiedergeben, die ihnen vorab von engen Familienmitgliedern berichtet wurden. Davon hat eins (das Verlorengehen) nie stattgefunden. Von 24 Probanden glaubte ein Viertel nach Ende des Versuchs tatsächlich, die Situation erlebt zu haben. Auch wenn das konstruierte Ereignis harmlos erscheint und eine übliche Alltagssituation wiederspiegelt, so ist es doch unheimlich zu wissen, dass Erinnerungen scheinbar so einfach erschaffen werden können.

    Paralleluniversen, Aktivisten und Sternkrieger

    Falsche Erinnerung können aber nicht nur bei einzelnen Personen auftreten. Dass ein Kollektiv aus mehreren tausend Menschen Fakten und Ereignisse falsch resümieren, wird als Mandela-Effekt bezeichnet. Namensgebend war der Tod des Aktivisten Nelson Mandela, der nach seiner 27-jährigen Gefangenschaft der erste schwarze Präsident Südafrikas wurde. Mandela verstarb 2013, doch tausende sind der festen Überzeugung, sich an seinen Tod in den 80er Jahren erinnern zu können – bis hin zu Details wie Zeitungsartikeln und der Farbe des Sargs.

    Das Beispiel, das unserer Generation wohl am geläufigsten sein dürfte, ist eins der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte. „Luke, ich bin dein Vater“, gesprochen von Darth Vader, lautet eigentlich: „Nein, ich bin dein Vater.“ Und, wer hätte es gewusst?

    Zum Mandela-Effekt gibt es viele Theorien, die gleichermaßen sowohl skurril als auch absurd sind. Von Paralleluniversen (die sogar Stephen Hawking für möglich gehalten hat!) bis hin zur Erinnerungsmanipulation durch die Regierung oder Aliens ist alles dabei. Die Plausibelste ist wohl dennoch, dass das Gehirn einfach nicht immer alle Erlebnisse richtig aufnehmen kann und/oder sie nachträglich verändert.

    Mäuse mit Glasfasern

    Am Massachusetts Institute of Technology wurden bereits erfolgreich Experimente an Mäusen durchgeführt, die das Einpflanzen falscher Erinnerungen beinhalten. Den Tieren wurden Glasfasern implantiert, die durch Licht eine bestimmte Nervenzelle stimulieren können. Im nachfolgenden Versuch erkundeten die Mäuse zwei verschiedene Käfige, im ersten passierte nichts, im zweiten erhielten sie leichte Stromschläge. Den Forschern gelang es, die Erinnerung an den harmlosen Käfig auch in dem mit dem elektrischen Strom zu aktivieren, sodass die Versuchstiere im Anschluss auch den ersten Käfig, in dem ihnen nichts passiert war, mit Stromschlägen verknüpften und mit Angst reagierten.
    Das ist der Beweis dafür, dass das Experiment funktioniert hat! Bis dato sind Versuche beim Menschen exakt bei falschen Erinnerungen aktiv sind, aber vermutlich ist auch das nur noch eine Frage der Zeit, oder?

    Markus Spiske via Unsplash

    Juristische Aspekte

    Das alles klingt zugegebenermaßen ziemlich nach Science-Fiction, doch was bedeutet das für die Allgemeinheit? Vor allem im juristischen Bereich würde sich durch künstlich erschaffene (falsche) Erinnerungen vieles ändern.
    In einem Experiment von 2013 gelang es Versuchsleitern, Probanden durch suggestive Techniken so zu manipulieren, dass sich diese an Straftaten, „erinnerten“, die sie angeblich in ihrer frühen Jugend begangen haben. Diese falschen Erinnerungen waren von der Reaktion des Umfeldes bis hin zur Art des Polizeieinsatzes sehr detailreich.
    Für ein Gerichtsfahren ist es daher entscheidend, dass genauestens unterschieden wird, ob Aussagen durch Pseudoerinnerungen (die durch Manipulation in früheren Befragungen entstanden) oder Falschinformationseffekte (durch Manipulation in der aktuellen Befragung) entstanden sind. Diese Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil frühere Manipulationen vor Gericht häufiger verborgen bleiben können.

    Und auf der Couch?

    Auch für die Psychotherapien spielen falsche Erinnerungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das bekannteste Beispiel ist wohl das unterdrückte Trauma, entstanden durch sexuellen Missbrauch. Dass traumatische Ereignisse verdrängt und durch Therapien wieder ins Bewusstsein rücken können, steht außer Frage. Allerdings nicht, wie häufig dies wirklich vorkommt. Oft sind Patienten empfänglich für plausibel klingende Theorien zu ihren Problemen: wird suggeriert, dass ein Missbrauch stattgefunden haben könnte ist es möglich, dass falsche Erinnerung ausgebildet wird. Wird die Idee des Missbrauchs vom behandelnden Therapeuten gestützt, werden eher Fragen in diese Richtung gestellt und der Fokus zusammen mit dem Patienten daraufgelegt. Dass daraus unter anderem auch die Anklage eines Unschuldigen entstehen kann, führt nur wieder zur Relevanz für die Justiz zurück.

    Auch wenn falsche Erinnerungen beim Menschen noch nicht künstlich erschaffen werden können, so ist es dennoch möglich, dass sie entstehen. Die Wissenschaft steht bekanntlich nie still, was früher Sci-Fi war, wird heute Realität. Also wer weiß, ob wir uns nicht doch irgendwann vor der bewussten Manipulation unserer Erinnerungen durch die Regierung und die Aliens schützen müssen.

    Carolin Annuscheit
    Carolin Annuscheit
    Slam Poetin / Horror Movie Addict / Mental Health Warrior

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