Samstag, Mai 30, 2020
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    “Machst du den Fahrer?”

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    Volksdroge Alkohol

    Bei diesem Thema bleibt es nicht aus, wieder von mir selbst zu berichten – wenn auch nur zur Einleitung. Ich bin mittlerweile 29 Jahre alt und habe erst mit 27 Jahren angefangen, Alkohol zu trinken. Der Grund für meine Abstinenz war die massive Abneigung und die damit einhergehende Geschmacklosigkeit jeglicher Sorten. Ich war wohl stark genug mich dem Gruppenzwang und dem jugendlichen Leichtsinn zu widersetzen.

    „Warum hast du dann doch noch angefangen?“, ist eine berechtige, im Kontext immer wieder aufkommende Frage!

    Die Stärke der Ablehnung wurde durch verschiedene Erlebnisse schwächer und der Wunsch nach Betäubung und Abschottung der Gefühle kräftiger. Probleme können im Alkohol ideal gemieden werden! Die durch ihn verursachte Hemmungslosigkeit rückt die beschwerdefreie Jugend ins Gedächtnis zurück und das Leben ist für gewisse wattebauschige Stunden leichter zu ertragen. Klingt hart, ist aber so! Mit der Zeit kam dann auch der Geschmack! Aus süßen Alkohol-Trends, wie Hugo wurden schnell der trockene Wein, Mojito oder Gin Tonic. Auch wenn ich bis heute nichts vertrage (was die Sache mit dem Alkohol trinken teilweise noch unangenehmer werden lässt), so ist der Umgang mit Alkohol innerhalb von zwei Jahren zur Normalität geworden und somit sind meine Grundsätze und Prinzipien zunichte.

    Meine persönliche Erfahrung mit dem legalen Betäubungsmittel begrenzen sich und sind überschaubar, doch was ich in meinen 29 Jahren alles erleben durfte, geht weit über meine persönlichen Erfahrungen hinaus …

    Immer öfter realisiere ich, dass Alkohol nicht nur verharmlost wird, sondern auch als Sozialisierung-Faktor angesehen ist: Aussagen der Fassungslosigkeit, „Wie? Du trinkst nicht!“ „Machste den Fahrer, oder was?“, „Ein Bier wird schon gehen!“ oder „Stell’ dich nicht so an, wieso bist du denn sonst hier?“ sind auf jeder Party zu hören.

    Ein Gruppenzwang der besonderen Art

    Wenn man bedenkt, dass im Amerika Alkohol zur Zeit der Prohibition verboten war und der Verzehr in der Öffentlichkeit weiterhin untersagt ist, dann ist die Frage naheliegend, wie es so weit kommen konnte, dass in München sogar ein mal im Jahr ein Volksfest gefeiert wird, bei dem das Besäufnis unter mehrer Millionen Besuchern das einzige Ziel ist!? Der sozial harmlosere Konsum von Cannabis wird hingegen weiterhin verboten, obwohl es eine nachgewiesene medizinische Komponente enthält, die zur Behandlung von Schmerzen und Grauem Star eingesetzt wird. Alkohol als Desinfektionsmittel oder Medikamentenzusatz zählt hier nicht als Einsatz im medizinischen Bereich.

    Das Oktoberfest gibt es seit 1810 und war die Hochzeitsfeier von Prinz Ludwig I. und Therese von Sachsen-Hildburghausen. Innerhalb der 209 Jahre wurde das Fest lediglich 24 mal gestrichen. Krieg und Cholera waren die Gründe. (Quelle: Unsplash)

    Untersuchungen der WHO zeigen 200 Erkrankungen auf, die das weit verbreitete Gerücht widerlegen, dass Alkohol gesund fürs Herz sei. Einige mögliche Erkrankungen, die durch Alkohol verursacht werden sind zum Beispiel: Schädigung von Leber und Bauchspeicheldrüse, Krebsarten in Mundhöhle, Kehlkopf, Speiseröhre und Dickdarm, Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern und Bluthochdruck.

    Unter historischer Betrachtung wurde Alkohol (wahrscheinlich aus dem Arabischen von „al khol“ für „Etwas Feines“) schon seit der Mittelsteinzeit 10.000 vor Christus (eher zufällig) entdeckt und als Genussmittel eingesetzt. Chemisch gesehen, ist Alkohol ein Stoffwechselprodukt von Mikroorganismen, das in einem biochemischen Vorgang entsteht, wenn Hefen oder Bakterien Zucker abbauen. Doch neben diesen Fakten hat Alkohol auch einen spirituellen, kulturell-religiösen Hintergrund. Noah legte zum Beispiel nach der Sintflut direkt an einem Weinberg an. Und auch in der katholischen Kirche wird als Ritual Wasser zu Wein verwandelt.

    Schon lange nimmt Alkohol einen zentralen Platz in unserer Gesellschaft ein. Im Mittelalter war er für den Adel und wohlhabenden Klerus vorbehalten. Ein gelungenes Fest war es dann, wenn die Gäste am Ende leicht angetrunken waren. Auch Alkoholmissbrauch lässt sich nicht nur heute finden, sondern bis in die Neuzeit zurückverfolgen. Damals war von Völlerei die Rede. Nicht mehr nur der Adel trank Alkohol, sondern auch Offiziere, Pfarrer, Bauern etc. Besonders interessant ist, dass an kulturellen Feiertagen, gerade religiöser Art, der Alkohol ein fester Bestandteil war.

    Alkoholkonsum als “Seelentröster”

    Dank der Industrialisierung wurde das Konsumieren von Alkohol für Jedermann möglich. Leider bildeten sich so zum ersten Mal andere Intentionen des Trinkens als der reine Wille nach Berauschung, feiern und lustig sein. Friedrich Engels betrachtete den Alkoholkonsum im 19. Jahrhundert bei den armen Leuten (Proletarier) und nannte es „Elendsalkoholismus“. Quellen aus der damaligen Zeit verweisen (so wie heute) darauf, dass Alkohol ein „Fluchthelfer“ und „Seelentröster“ für unmenschliche Lebensbedingungen sei.

    Die Ausführungen reißen die Geschichte des Alkohols nur an, erklären aber den Ursprung des heutigen, völlig etablierten Rauschmittels. Heute ist selbst Rauchen kategorisch „schlechter“ als regelmäßiger Alkoholkonsum. Dabei ist es ein Mittel, welches den Konsumenten in der Wahrnehmung nicht lähmt, nicht unfähig macht seinen Körper zu beherrschen als auch den Charakter nicht verändert. Ich möchte kein Loblied auf die Zigarette singen (hab schließlich auch aufgehört), aber es ist doch verrückt, dass ein Rauschmittel Kriminalität, Vergewaltigungen, Verkehrsunfälle und körperliche Übergriffe verharmlost. Natürlich werden sie strafrechtlich belangt, aber es ist immer eine gern gehörte Ausrede, um sich seiner selbst und seinem Umfeld nicht bewusst zu sein: „Ich war betrunken!“ Es walten in der Urteilsverkündung „mildernde Umstände“, sobald der Täter unter Alkoholeinfluss steht und als nicht zurechnungsfähig eingestuft wird.

    Chance auf Veränderung?

    Wer aus Genuss ein Glas Wein oder Bier trinkt, nach dem Essen einen Schnaps oder bei einer Party einfach mal loslassen möchte – soll das natürlich tun, doch ich gebe zu bedenken, dass in unserer Gesellschaft offenbar mit zweierlei Maß gemessen wird. Alkohol hat es immer gegeben, weswegen es in Ordnung ist. Cannabis und andere Substanzen sind fremd, weswegen es nicht in Ordnung ist. Schaut man sich Langzeitschäden und Todesursachen von Alkoholkonsum an, so fragt man sich doch, wieso wir ausgerechnet Alkohol als Volksdroge wählen konnten!? Wie lange dauert es, bis durch den Trend Nachhaltigkeit auch hier ein noch gesünderer Umgang gelehrt wird!?

    Lia Pion
    Lia Pionhttp://www.liapion.de/
    Always between the wrong and the right! + Humanistin, Feministin + Journalistin, Autorin + Fashion Stylistin + Yogi

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