Montag, Februar 17, 2020
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    ALTERNATIVES LEBEN

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    Das Leben kostet, ob alleine oder in einer Kommune

    Nackt, breitbeinig, schamlos. Acht große, kleine, runde, ovale, knackige, faltige, weibliche und männliche Hintern reihen sich nebeneinander. Eine kühle, langweilige Kachelwand unterstreicht das unwohle Gefühl beim Betrachten des Bildes – ein Foto der Süddeutschen Zeitung von 1967 mit dem Titel „Freie Sexualität und Antiautoritäre Erziehung als politisches Manifest“.

    Wer kennt sie nicht? Die 68er Bewegung. Junge Leute und Studenten demonstrierten für eine freie Sexualität und antiautoritäre Erziehung. Uschi Obermaier und Rainer Langhans sind die prominenten Überbleibsel der damaligen Bewegung. Die schwere Zeit nach dem Krieg lies kein Platz für Liebe und Zuneigung. Kennen wir dieses Gefühlchaos nicht auch von heute?

    Nach der Finanzkrise und der andauernden, schlechten wirtschaftlichen Lage sieht die Zukunft nach harter Arbeit aus. Leistungsdruck? Nichts für die Kinder der Wende. Immer mehr kristallisiert sich der Trend nach einem alternativen Lebensstil heraus. Was für verrückte und wankelmütige Einfälle haben sich die Deutschen schon zugetraut!? „In einem anderen Land geht es mir besser!“ – „Früher war alles anders. Ich lebe in meiner eigenen Welt, fernab des hektischen Lebens.“ – „Leistungsgesellschaft, nein Danke, ich lebe ohne Geld!“. Woher kommt die Sehnsucht nach einem Leben ohne Druck, Leistung, Geld – Erfolg?

    Zu Zeiten der sexy Uschi Obermaier wirkte der Austritt aus den gesellschaftlichen Konventionen so leicht. Damals hatten die Leute auch allen Grund, auf die Straßen zu gehen. Jeder braucht den Ausgleich zu einem anstrengenden Leben. Liebe, Sex und Lust schafften neue Energien für neue Leistungen. Das kannten sowohl Studenten als auch Arbeiter nicht, bis sich 1967 die erste Kommune gründete: „Kommune 1“. Sie hat vieles für das heutige, freie und individuelle Leben bewirkt – aber was?

    Die Kommune 1, auch K1 genannt, war eine Kulturrevolution auf allen Ebenen. Geschlechterrollen, Kindererziehung, Umgang mit Autoritäten, all
das hat die Kommune 1 verändert. Die Wohngemeinschaftsidee wird für eine ganze Generation junger Leute zum Vorbild. Das Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie, ein Leben nach Lust und Laune. Die Gelder wurden alle in eine Kasse gezahlt. Alles wurde geteilt: selbst die Liebe. Man wechselte die Partner im Wochentakt.

    Bis heute profitiert die Gesellschaft von dieser revolutionären Idee. Jeder hat die Option, das Leben nach seinen eigenen Bedingungen zu gestalten. Ein alternativer Lebensstil scheint möglich. Wir sehen es überall auf der Erde, dass ein strenges Regime die Leidenschaft hervorruft, auf die Straßen zu gehen und für ein anderes Leben zu kämpfen. Und derzeit scheint die halbe Welt zu protestieren. Was als berechtigter Protest gegen Unrecht beginnt, schlägt häufig in ungerechtfertigte Gewalt um. Und so mancher, der noch friedlich am Küchentisch der K1 frühstückte, wurde später zum fanatischen Bombenleger der RAF.

    Doch wieso hielt die K1 gerade mal nur drei Jahre!? Gegen Ende herrschte überwiegend Streit. Viele der Kommunarden waren drogenabhängig und finanzierten sich mit dem Geld der Gemeinschaftskasse ihren Konsum. Andere Mitglieder gingen arbeiten, sodass die Kommune finanziell überleben konnte. Streitereien um Geld könnten das Ende bedeutet haben. Auch die Sache mit der Liebe stieß an ihre Grenzen: Eifersucht, Streit, Trennung. So leicht war bürgerliches Besitzdenken nicht zu überwinden. So auch heute! Oder ist es sogar noch schwieriger geworden?

    Der Kommune-Gedanke scheint erledigt – und ist doch nicht tot zu kriegen. Idealvorstellungen und perfektionierte Lebensweisen findet man überall. Eine der bekanntesten Alternativen zum spießbürgerlichen Leben, ist die Wohngemeinschaft im Studium, um sich die hohen Mietkosten in Universitätsstädten zu teilen. Wer die Erfahrung gemacht hat, in einer WG zu leben, kennt mit Sicherheit den Ärger über einen leeren Kühlschrank. Kleinkariertheit und Kleingeister sind der Tod jeder Kommune. Es lebe die Großzügigkeit. Es lebe die Kommune. Nur beim Kühlschrank hört die Liebe auf.

    Lia Pion
    Lia Pionhttp://www.liapion.de/
    Always between the wrong and the right! + Humanistin, Feministin + Journalistin, Autorin + Fashion Stylistin + Yogi

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